Er kam, sah und blamierte sich
Ein Kommentar von Christian Schüller:
Er sah sich in der Rolle der politischen Kaltreserve der CDU, träumte schon vom Kanzlersessel und war gerne Muttis Liebling im Kabinett, dessen Aufgabe es war, Deutschland ökologisch in eine blühende Zukunft zu führen – bis Mittwoch. An diesem Tag änderte sich alles. Mutti wurde politisch zum Biest, zeigte plötzlich die so oft ersehnte Führungsstärke und Klarheit, die Röttgen für seine zukünftige Amtsführung wohl nicht mehr haben werde, und feuerte ihn. Somit ist Röttgen der politische Verlierer seit dem Guttenberg-Rücktritt im März des vergangenen Jahres. Der Schritt der Kanzlerin war überraschend, doch im Nachhinein nachvollziehbar.
Am 14. März, nach dem vorläufigen Ende der rot-grünen Koalition in NRW, kündigte Norbert Röttgen an, als Spitzenkandidat der CDU ins Rennen um den Posten des Ministerpräsidenten in flächengrößten Bundesland gehen zu wollen. Einmal mehr ließ er keinen Zweifel daran, dass er den Weg nach oben sucht. Mit einem Sieg gegen die populäre Herausforderin Hannelore Kraft (SPD) stände er heute prächtig da, als eine Autorität neben Kanzlerin Merkel mit Potential zum Gewinnen von Wahlen – vielleicht auch einer Bundestagswahl. Als Nachfolger im Bundeskanzleramt nach der Ära Merkel, deren Ende noch nicht in Sicht ist, wäre er für große Teile der Partei schon gebucht gewesen. Vor allem für die den liberalen Flügel der Partei – denn Röttgen könnte sich auch mit einer Schwarz-Grünen Machtteilung anfreunden. Doch für solch illusorische Träume war die Performance des Hoffnungsträgers der Partei einfach zu schlecht.
Kurz nach Bekanntwerden der Kandidatur des Bundesumweltministers forderten die Medien klare Kante: Sie wollten wissen, ob das politische Schwergewicht aus Berlin sich auch bei einer Wahlniederlange für eine Fortsetzung seiner politischen Laufbahn im für ihn so schäbig anmutenden Landtag von Nordrhein-Westwestfalen entscheiden werde, oder ob Röttgen ausschließlich aus eigennützigen Gründen die Wählergunst der Landesbürger erringen möchte. Eine eindeutige Antwort blieb bis zuletzt aus. Das verletzte den vom Wahlvolk geforderten Regionalpatriotismus für NRW. Ein kühler Machtpolitiker wollte ihre Heimat für egoistisch erdachte politische Präferenzen missbrauchen – das ließ sogar ein großer Teil der CDU-Stammwählerschaft nicht zu.
Dies spiegelte sich auch im Wahlergebnis wider: Die sympathische, überzeugt sozialdemokratische und im Wahlkampf zur Landesmutter getaufte Hannelore Kraft hat in der bisherigen Regierungsarbeit in Düsseldorf mit ihrer politischen Zwillingsschwester Sylvia Löhrmann (Grüne) stets eine fürsorgliche und liebenswerte Figur gemacht. Somit wurde die SPD mit 39 % belohnt, die Grünen konnten sich über 11 % freuen. Im Gegensatz zu Röttgen setzt das Düsseldorfer Duo auf großmütterliche Sympathie und Ehrlichkeit statt auf erzwungene Vernunft kombiniert mit steifen Auftritten. Die Belohnung: eine stabile Mehrheit im Parlament. Aus einer Minderheitsregierung wurde eine Mehrheitsregierung.
Als ob das nicht genug ist, berief Röttgen die Landtagswahl vorher zu einer Abstimmung über den Kurs Angela Merkels auf dem Verhandlungsparkett der Eurozone. Noch ein schwerer Fehler, der auch in der Union tiefe Skepsis gegenüber dem Spitzenkandidaten hervorrief; ein so existentiell wichtiges Thema sollte vom Wahlkampfnebel befreit bleiben. Mit Essen spielt man schließlich nicht. Am Abend des gleiche Tages dann der Supergau: „Bedauerlicherweise entscheidet nicht allein die CDU darüber (ob Röttgen Ministerpräsident wird), sondern die Wähler entscheiden darüber.“ Ein derart unüberlegter Satz wider die Werte einer gereiften demokratischen Gesellschaft, empörte ebenso nicht nur die Opposition. Von einem Politprofi hätte man alles andere als einen derartigen politischen Selbstmord erwartet.
Und so kommt es, wie es kommen musste. Die CDU musste am 13. Mai ihr schlechtestes Ergebnis aller Zeiten ertragen. 26 Prozent – nie waren die Werte in NRW so tief im Keller. Der Schock sitzt tief und Röttgen zieht richtige Konsequenzen. Er übernimmt die Verantwortung für das beispiellose Wahldebakel und tritt kurz nach 18 Uhr vom Landesvorsitz ab, den er seit Oktober 2010 inne hat. Eine der wenigen korrekten Entscheidungen, die er im Zuge der Wahl getroffen hat. Der einstige Goliath der CDU liegt am Boden, geschlagen von Kraft und Löhrmann, deren Parteien, als ob es nicht genug wäre, noch den Rücktritt Röttgens als Bundesumweltminister forderten; vorerst vergeblich.
Am Montag auf einer gemeinsamen Pressekonferenz von Kanzlerin und Spitzenkandidat wurde in ungewohnt kühler Stimmung die „Kontinuität der Aufgaben“ von der Bundeskanzlerin festgestellt, was nicht zwangsläufig bedeutet, dass Röttgen im Amt bleibt, wie es Gertrud Höhler, eine erfahrene Unternehmens- und Politikberaterin, so treffend analysierte. Dennoch wollte es jeder so verstehen, dass er noch eine Chance bekommt, sich in Berlin zu rehabilitieren.
Deshalb war es so überraschend, dass Merkel ihren Bundesumweltminister am Mittwoch um 16.30 Uhr in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz vor die Tür setzte. Noch vormittags verkündete Volker Kauder, der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Bundestag, dass Röttgen im Amt bleibe – trotz des berüchtigten Interviews Seehofers, in dem er den Minister öffentlich diffamierte und somit zum Abschuss freigab.
Zunächst hatte Merkel aber anderes im Sinne: Sie wollte ihn in Gesprächen überzeugen, seinen Hut in Würden zu nehmen und auf das Amt zu verzichten. Da dies scheiterte blieb nur die brutale Option namens Rausschmiss, welche für viele konservativen Kollegen zu brutal war. Ein kluger Schachzug, denn so packte die Bundeskanzlerin den ganzen politischen Frust wegen den verlorenen Wahlen auf die Schultern Röttgens und setzte ihn in der Wüste aus. Sie versuchte so im eigenen verschmutzten Innenhof zu kehren und schickte den armen, kleinen Knecht mit einem Sack Müll so weit weg wie möglich – damit er ja nicht zurückkommt. Um den ewigen Zwist in der Koalition um Betreuungsgeld, Vorratsdatenspeicherung und Co. muss sie sich persönlich kümmern.
Auf einmal war diese Option sogar der Opposition zu hart. Man dürfe auf politische Opfer doch nicht einfach nachtreten. Sie liegen doch schon am Boden. Die am Wochenbeginn verkündete Tonart, kam von einem anderen Planeten. Umso mehr verwundert der plötzliche Heiligenschein, welcher vermuten lässt, dass die Nichtregierungsparteien nur das Ziel haben, CDU/CSU und FDP weiter zu demütigen. Ein Modell für geteilte Moral.
Somit hat also die Kanzlerin einen weiteren Kopf der Union nach Merz, Jung, Wulff und Guttenberg getreu dem Motto: „Die CDU? – Das bin ich!“ geköpft und somit ihre Machtstellung innerhalb der Partei gesichert. Wofür steht die Partei der Kanzlerin auch sonst außer für eben für diese? Eine Namensänderung steht nahe: MDP – Merkels Demokratische Union.
Der Nachfolger Röttgens heißt Peter Altmaier. Merkels „Allzweckwaffe“ wird neuer Bundesumweltminister. Laut Opposition der letzte Joker der Kanzlerin, der übrigens die Merkelisierung der Macht innerhalb der CDU festigt. Ob Altmaier das auf Dauer überlebt?







